Während diese Welt sich in Zahlen, Urteilen und Ausschluss weiter erschöpft
nahm im Schatten etwas Gestalt an.
Eine Gemeinde, die sich nicht nach ihren Regeln richtet.
Kein Utopia. Keine makellose Gegenwelt
und ganz sicher kein Zufluchtsort für jene, die Reinheit und Erlösung suchen.
Von außen werden wir betrachtet, seziert und umbenannt.
Man wird unsere Worte verdrehen
unsere Zeichen deuten und in allem nach einer Erklärung suchen
die sich in das gewohnte Weltbild einfügt.
Wo das Verstehen endet, beginnt die Etikette.
Medizinische Begriffe, mediale Konstrukte und bequeme Diagnosen
sollen daraus etwas Vertrautes machen.
Denn was sich nicht einordnen lässt
muss es offenbar erst ausformuliert werden
bevor man es fürchten darf.
Für manche sind wir ein Überbleibsel längst vergangener Jahrzehnte.
Überreste der Neunziger und Zweitausender
umhüllt von okkulten Dekorationen
bemüht, eine Gefahr darzustellen, die längst ihre Wirkung verloren hat.
Andere halten uns für weltfremde Suchende
die sich in alten Mythen verlieren und an den Schatten vergangener Namen festhalten
als wäre die Vergangenheit das Einzige, das noch Bedeutung besitzt.
Sie verwechseln Erinnerung mit Abhängigkeit.
Überlieferung mit Stillstand.
Und Einfluss mit Identität.
Wir tragen unsere eigenen Namen. Wir schaffen unsere eigene Geschichte.
Wir sind keine Kopien längst vergangener Erscheinungen
und keine Statisten in einem Mythos, den andere für uns geschrieben haben.
Wir schulden dieser Welt weder Gefälligkeit noch Erklärung.
Wir benötigen keine Anerkennung von einer Gesellschaft
deren Maßstäbe wir längst hinter uns gelassen haben.
Wir stehen mit dem Rücken zu ihnen.
Nicht aus Trotz.
Nicht, um ihre Aufmerksamkeit zu provozieren.
Wir sind nicht hier, um ihre Ordnung zu erschüttern.
Wir haben keine Mission, sie zu retten
zu reformieren oder nach unseren Vorstellungen neu zu errichten.
Unsere Aggressivität äußert sich in der Verweigerung
und einer Kaltblütigkeit gegenüber den großen Inszenierungen.
Keine Empörung, die sich verwerten lässt.
Kein Widerstand, den man in vorgefertigte Bahnen lenken kann.
Keine Reaktion, die den Inszenierenden die erhoffte Bedeutung verleiht.
Sie inszenieren, wir wenden uns ab.
Sie fordern Aufmerksamkeit, wir entziehen sie ihnen.
Sie errichten ihre Bühnen und erwarten, dass wir gebannt auf das Geschehen starren.
Doch wir haben längst aufgehört, ihr Publikum zu sein.
Denn nichts ist für jene, die nach Einfluss verlangen unerträglicher
als ein Gegenüber der sich weder bewegen noch vereinnahmen lässt.
Ihre Welt darf sich weiter um sich selbst drehen.
Ihre Werte dürfen sich gegenseitig bestätigen
ihre Ideale sich in endlosen Wiederholungen erschöpfen.
Doch wenn ihre Erklärungen nicht mehr greifen
wenn ihre Moral den eigenen Ansprüchen nicht standhält
und ihre sorgfältig errichteten Gewissheiten zerfallen
bleibt ihnen nur die Stille.
Und so erwarten wir den Tag, an dem das Chaos über ihre geordnete Welt hereinbricht.
Wir werden zusehen, wie ihre Gewissheiten bröckeln,
wie ihre Sicherheiten verblassen und wie die Fassade einer Welt Risse bekommen,
die sich selbst für unerschütterlich hielt.
Und vielleicht liegt gerade darin unsere Faszination
nicht im Untergang selbst
sondern in dem Augenblick, in dem sichtbar wird, wie wenig es braucht
damit eine vermeintlich ewige Ordnung ins Wanken gerät.
Wir erwarten das Chaos.
Für uns wird das kein Weltuntergang sein, den haben wir unlängst überwunden.
Incipit Chaos